Am Samstag, den 31. Oktober 2026 erschien im Westfälischen Anzeiger Bönen* nachstehende Kolumne des Hirten im Ruhestand Jürgen Koschker.
Die stille Zeit
Morgen beginnt im zu Ende gehenden Kirchenjahr der November als ein Monat der inneren Einkehr, des Gedenkens, der Ruhe und der Besinnung auf das Wesentliche im Leben.
Die Gedenktage für die Verstorbenen im November geben der privaten Trauer einen öffentlichen Raum. Sie rufen zur Fürbitte für die Verstorbenen auf, man schmückt die Friedhöfe mit Kerzen und Gestecken. Die Gedenkorte füllen sich mit vielen Menschen, die sich in dieser besonderen Zeit bewusst auf den Weg zu den Gräbern ihrer Verstorbenen machen.
Im November feiern wir als neuapostolische Christen einen besonderen Gottesdienst für Entschlafene. In diesem Gottesdienst werden Sakramente stellvertretend für Verstorbene gespendet. Damit bringen wir unseren Glauben zum Ausdruck, dass auch Verstorbene in der jenseitigen Welt die Möglichkeit haben, sich Christus zuzuwenden und die Sakramente anzunehmen (vgl. auch 1.Petrus 3,19). Wir sind zuversichtlich, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit über den Tod hinausreichen und seine Gnade jedem Menschen offensteht.
Im Allgemeinen gilt der November als grauer, dunkler Monat der Stille, aber auch der Reflexion des eigenen Verhaltens. Diesen Ansatz, so habe ich mir vorgenommen, möchte ich intensiver als bisher bei mir verfolgen. Was treibt mich an, was erzeugt in mir Freude, welche Erlebnisse stimmen mich traurig oder enttäuschen mich? Wie ist meine Gottesbeziehung und wie kann sie intensiver werden? Als Christ bin ich zur Nächstenliebe aufgerufen, wobei Christus dieses Handeln um die Feindesliebe erweitert hat. Aber wie sieht dieses Handeln bei mir konkret aus?
Die stille Zeit im November bietet sich ebenfalls an, den Blick bewusst auch auf jene Mitmenschen zu richten, bei denen es oft das ganze Jahr über sinnbildlich „November“ ist. Zeitabschnitte der Kälte, der Dunkelheit, des Alleinseins, der Hoffnungslosigkeit werden durchlebt und beherrschen wie schwere, dunkle Wolken den Lebensalltag. „Man kann nicht allen helfen!“ sagt der Engherzige und – hilft keinem.(Marie von Ebner-Eschenbach). Doch mit etwas mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im Leben kann jeder von uns zu einem Engel für den Nächsten werden. Das wünsche ich mir und Ihnen im nun zu Ende gehenden Kirchen- und Kalenderjahr.
Jürgen Koschker
Neuapostolische Kirche
*Bisher erschienene Kolumnen können mit diesem Link eingesehen werden.
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